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© NELE STRÖBEL

reparaturen der welt -
Das Buch


reparaturen der welt

Einführung:
2. Kreativität und Reparatur

Indem ich versuche, die Ursachen und Strukturen meines Handelns zu beobachten und daraus Schlüsse für zukünftige Prozesse zu ziehen, frage ich nach der Begründung von Kreativität im Spannungsfeld von Perfektibilität und Improvisation.

Provoziert durch Roman Herzogs These "Im Zuge der Globalisierung verkommt Politik zur Reparaturwerkstatt", setze ich dem Schauplatz des Flickwerks das schöpferische Labor des Universalisten entgegen. In scheinbar chaotischer Selbstorganisation gehen dort Kreative vom vorhandenen Material aus, das über gezielte Eingriffe verändert und einer spezifischen Aussage oder Funktion zugeführt wird. Kreativität erweist sich als planvoll-spontanes Handeln zwischen Bindung und Freiheit. Die Leichtigkeit, sich in der künstlerischen Produktion über normative Regeln hinwegzusetzen, ist vergleichbar mit dem, was Claude Lévi-Strauss ,bricolage' nennt, dem Basteln ohne tradierte Routine. An der ,bricolage' partizipieren Kreative jeglicher Provenienz, Künstler, Bastler und Reparateure, im Slum oder in der Life-style-Loft. So wird Reparatur zum erfinderischen Vorgang, inspiriert von der vorgefundenen Faktizität des fehlerhaften Objekts. ,Fehler' lösen, ihrer Negativität ledig, kreative Energien aus.

Doch auch in Kulturen mit professionellen Reparaturbetrieben ist ein improvisierter Umgang mit den Produktionsgütern der neuen Technologien feststellbar. In den neuen Berufen erobern aus Kostengründen ,Heimwerker' und ,selfmade'-man den alltäglichen Umgang mit den Dingen. In einer immer komplizierter und komplexer werdenden Welt stehen sich zwei Glaubensgruppen gegenüber: ,Wegwerfer' und ,Reparateure'.
Reparieren bedeutet im herkömmlichen Sinn ausbessern bzw. wiederherstellen. Die Grundvoraussetzung hierfür ist das kulturelle Wissen um Konstruktion und Funktionsweise, gepaart mit handwerklichem Geschick. In weiten Teilen der Welt gibt es keine verbriefte Ausbildung zum Handwerker. Der Reparateur ist auf seine persönliche Intuition und Improvisationsgabe angewiesen.
Die Gründe der Zugehörigkeit sind vielfältig und oftmals widersprüchlich: ,Wegwerfer' der Dritten Welt gehören zur Mittel- und Oberschicht, sie grenzen sich von den armutsbedingten ,Reparateuren' durch heftigen Verbrauch ab. Demgegenüber sind in den westlichen Industrienationen sind keine schichtspezifischen Haltungen erkennbar. Das seligmachende Glücksgefühl, etwas, ungeachtet der Effizienz im Einsatz von Mitteln und Zeit, wieder ,heil' machen zu können, ist im Privaten weitverbreitet. Der Prozess des Reparierens kann sowohl Flucht und Rückzug ins Detail als auch ein schöpferischer Erkundungsakt und Ausblick sein. Genauso faszinierend ist der ,große Wurf', eine visionäre Handlung, die allen Umständen zum Trotz Zeichen setzt, ohne sich im Detail zu verlieren. Kein Flickwerk, alles neu erfinden, nach ,vorne denken'. Als bildende Künstlerin stehe ich dazwischen: repariere an Werkzeugen, verwandle mit wenig Materialaufwand architektonischen Raum, gebe den Dingen in einer Symbiose von Operieren, Reparieren, Modellieren und Montieren neue Bedeutungen. Durch die Reparatur von ,Fehlern' entsteht ein schöpferischer Akt, der Wandlung hervorbringt und weiterführende Lösungsprozesse in Gang setzt.
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